| Grischa News vom 12.04.2003 |
| Freitag, 11. April 2003 | |
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Manche Leute werden sich fragen, was ich in der Schweiz so treibe, ausser arbeiten, Käse schmelzen und snowboarden. Das liesse sich in einem Satz beantworten, nur wären dann die heutigen Grischa News schon wieder zu ende. Deshalb will ich hier mal ein bisschen weiter ausholen. Ich setze einfach als bekannt voraus, das es rein theoretisch diverse Möglichkeiten der Freizeitgestaltung gibt. Eine sehr vielschichtige Beschäftigung ist es beispielsweise, Geld auszugeben. Jeder kennt das Phänomen, dass das menschliche Hirn in der Lage ist, sich unendlich viel mehr Varianten des Ausgebens als des Verdienens auszudenken. In dieser Hinsicht gibt es für den klassischen Neuschweizer glücklicherweise mehrere emotionale Bremsen: Zum einen sind da die ungewohnt-unverschämten Preise, die einem vor dem geistigen Auge augenblicklich in horrenden DM- oder Euro-Beträgen erscheinen und einen Reflex in der Hand auslösen. Zum anderen steht man aus Unwissenheit immer wieder vor verschlossenen Türen. Die hiesigen Ladenöffnungszeiten sind als extrem basisdemokratisch zu bezeichnen: Jeder kann selbst bestimmen, wie lange er Mittagspause macht. Irgendwann zwischen High-Noon und 15 Uhr hat hier jedes Geschäft Siesta. Nur wann genau, und wie lange, weiss man eigentlich nicht. Abends ist selbstverständlich pünktlich zum „Nachtessen“ um halb Sieben dicht. (An dieser Stelle ein Hoch auf die jüngste deutsche Ladenschluss-Nivellierung – äh, Novellierung). Ein Besuch im Davoser Kino bietet sich als Alternative zum Einkauf nur bedingt an, zumal sogar mein neues Handy über ein grösseres Display verfügt. Das angebrochene Frühjahr lädt lediglich Melancholiker zum Spaziergang in der Natur ein, nachdem der schmelzende Schnee die verdorrten Gräser des Herbstes entblösst und sich als Dunst über das Tal gesenkt hat. Frühling ist hier eine nichtexistente Jahreszeit. Der Abreise der späten Schickimicki-Ski-Touristen nach Ostern folgt der blühende Sommer. Bleibt also Lesen. Und ich kann versichern, in den letzten Wochen mindestens zehntausend Bücher konsumiert zu haben. Ist eine gute Alternative zum Essen. Anstatt Völlegefühl metaphysische Blähungen. Will sagen, ich bin ins Grübeln geraten: 1. Die schweizer Neutralität ist ebenso weltbekannt, wie ihre Scharfzüngigkeit („Der amerikanische Verteidigungsminister bekommt jetzt Ärger in den eigenen 5 Wänden“). Ich empfehle der schweizer Bevölkerung, dies zu Vermarkten und ein wenig Ihrer Beobachtungsgabe an Bedürftige zu verscherbeln. Dabei denke ich insbesondere an den amerikanischen Botschafter in der Schweiz. Auf die Frage eines Journalisten, ob ihn denn die demonstrierenden Familien und Kinder nicht überzeugten, dass weiteste Teile der Bevölkerung gegen einen Krieg seien, antwortete er, natürlich glaube er, dass jeder das Recht zur Meinungsäusserung habe, er hätte jedoch eher Steinewerfer und vermummte Gestalten demonstrieren sehen (??!!!). Inzwischen ist mir ein weiteres, äusserst pragmatisches Hobby in den Sinn gekommen. Ich werd’ zur Abwechslung mal die rotierenden Trommeln des Davoser Wasch-Saloons verfolgen. Auf diese Weise erledige ich zwei Fliegen mit einer Klappe: Ich hab wieder was zum anziehen und bereichere mich um faszinierende Beobachtungen für die nächsten „Grischa News“. Bis dahin, viele Grüsse von „Davos niemals langweilig wird“, Till |