| Grischa News vom 02.05.2006 |
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| Montag, 1. Mai 2006 | |
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In einem kürzlich durchgeführten Gedankenexperiment kam ich zu der Überzeugung, ich hätte mich als gebürtiger Schweizer zur Marine gemeldet, anstatt Zivildienst zu leisten. Am liebsten wäre ich U-Boot-Kapitän geworden. Ahoi! Leider gibt es keine schweizer Marine, wahrscheinlich, weil der Bodensee zu klein für ein ausgewachsenes Kriegsschiff wäre. Zu meiner Überraschung gibt es aber sehr wohl eine Luftwaffe, obwohl die Schweiz ja eigentlich auch zu klein für Kampfjets ist. Ein Pilot der schweizerischen Miliz muss nach schätzungsweise 2 Minuten Geradeausflug schon wieder wenden, um nicht den eidgenössischen Luftraum zu verlassen. Luft-zu-Luft-Betankung kann man hier jedenfalls nicht üben. Ein weiterer Grund, sich an dieser Stelle über militante Themen zu echauffieren, ist der grade knapp überlebte 1. Mai. Obwohl Graubünden bekanntermaßen zu jenen Kantonen gehört, wo am „Tag der Arbeit“ tatsächlich gearbeitet wird, hörte ich zu meiner Genugtuung, dass die feiernden Kollegen in Zürich – ganz im Kreuzberger Stil – ordentliche Straßenschlachten zustande brachten, während derer sogar eine Ansprache des Bundespräsidenten Leuenberger eiwurfbedingt abgebrochen wurde. Hätte er doch einfach seinen freien Tag genossen. Ich muß allerdings einräumen, dass nicht nur die nach außen sichtbaren Begebenheiten des „Tags der Arbeit“ mit jenen in Deutschland korrelieren, sondern auch die transzendenten Motive hierfür ähnlich sind. So betrug im vergangenen Jahr die durchschnittliche Arbeitszeit eines in der Schweiz angestellten Vollzeitarbeiters 41 Stunden und 58 Minuten pro Woche. Die entsprechende Arbeitsleistung in Deutschland liegt bei 40,3 Stunden. Die Reallöhne der Durchschnittsverdiener sanken in beiden Ländern in den letzten Jahren, während einige fragwürdige Persönlichkeiten exorbitante Einkommenszuwächse verbuchen konnten. Es ist keine Seltenheit, dass exponierte Positionen mit gut 20 Millionen Schweizerfranken im Jahr dotiert werden. Ob diese Zahlungen im Sinne einer gewinnmaximierten Führung eines Wirtschaftsunternehmens zu sehen sind, halte ich hingegen für zweifelhaft. In einem ganz anderen Bereich verhält sich die Schweiz allerdings vorbildlich. Während in den USA die Regierung „not amused“ ist, weil mexikanische Immigranten eine spanischsprachige Latino-Version der Nationalhymne komponiert haben, und Herr Ströbele geteert und gefedert wird, weil er eine türkischsprachige Version von „Einigkeit und Recht und Freiheit“ fordert, gibt es die schweizerische Nationalhymne gleich in 4 Sprachen. „Trittst im Morgenrot daher, Im Übrigen stammt weder die Melodie der eidgenössischen Hymne, noch die berühmte Schokoladentorte von Paul Sacher, der dieser Tage 100 Jahre alt geworden wäre. Für das eine zeichnet Albert Zwyssig, für das andere Franz Sacher von der k.&k. Hofbäckerei verantwortlich. Der 1999 verstorbene Paul hingegen war ein bedeutender schweizer Dirigent und Mäzen, der das La-Roche-Vermögen seiner Frau einsetzte, um Klassiker wie Bela Bartok oder Igor Strawinsky zu fördern. Zum guten Schluss, nach guter Tradition, noch einige militant-wichtige Hinweise für jene, die sich in dieses Land verirren, das Dürrenmatt so beschreibt: „ Da liegst du nun, ein Land, lächerlich, mit zwei, drei Schritten zu durchmessen, mitten in diesem unglückseligen Kontinent“. Der Urlaubsverkäufer TUI heißt hier „Imholz“, billige Treter gibt´s bei „Dosenbach“ statt bei Deichmann und ein Handy heißt „Natel“. So heißt der Mobiltelefonvertrag der Swisscom. Das wäre etwa so, als würden wir unser kleines Telefönchen „TellyActive“ nennen. Dann doch lieber wie die Italiener: „Telefonino“. Und als krönendes Zeichen der Desintegration werte ich, dass meine schweizer Kollegen schon anfangen, den Universalgruß proletarisch-deutscher Provenienz – „Mahlzeit“ – zu erwidern. Viele Grüße von „Davos keine restlichtverstärkten Periskopblicke auf die Realität gibt“, Till |